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Viele Tiere im Dschungel sind nachtaktiv. Das bedeutet, dass man diese Tiere am Tage überhaupt nicht entdecken kann, weil sie gut versteckt oder getarnt die Sonnenstunden verschlafen und im Schutze der Dunkelheit ihr Leben leben. Ein großer Vorteil dieser nächtlichen Lebensweise ist, dass man vielen Fressfeinden, die am Tage aktiv sind, ganz einfach entgeht. Viele Insekten haben sich dieser Lebensweise angepasst um ein geschütztes Leben vor Vögeln zu haben. Im Laufe der Evolution besetzt jedoch irgendein Lebewesen diese Nische und nutzt wiederum den Vorteil der Konkurrenzlosigkeit. So gibt es zahlreiche kleine Insekten die von einer Nachtgrille, die dank des Schutzes der Dunkelheit auf Tarnung verzichten kann, gefressen werden. Die räuberische Grille wird wiederum von einem Plump-Lori, einer nachtaktiven Primatenart, die diese ökologische Nische gut ausfüllt, erbeutet. Die Dunkelheit kann zwar Schutz bieten, erfordert aber auch besondere Anpassung. Die meisten nachtaktiven Säugetiere haben im Vergleich zum Schädel extrem große Augen, die als Restlichtverstärker funktionieren. In jeder noch so dunklen Nacht ist immer noch ein Quäntchen Licht. Jeder war schon mal der Dunkelheit ausgesetzt und musste kurz warten, bis sich die Augen an diese gewöhnt hatten. Die großen Augen der Nachttiere lassen mehr Licht auf die Linse und ermöglichen eine gute Sicht in der Dunkelheit. Andere Tiere „gucken“ mit dem Gehör oder ertasten ihre Umwelt mit sehr langen Fühlern.

Wir wollten nun endlich auch einige dieser Nachttiere sehen und weil es der erste Abend ohne Regen war, meldeten wir uns bei einem Guide an. Ein guter Guide hat den Wald immer im Auge und weiß genau unter welches Blatt oder in welche Baumhöhle er schauen muss. An diesem Abend waren wir die einzigen Besucher im Nationalpark. Wir montierten unseren großen Scheinwerfer auf die Kamera und setzten uns die Stirnlampen auf. Der Guide holte uns in der Kantine ab und stellte sich als Douglas vor. Er sagte uns welche Tiere regelmäßig gesichtet werden und das er gerne alle Fragen beantwortet. Wir gingen zu dritt auf dem Plankenweg in Richtung Dschungel, als Douglas mit seiner Taschenlampe bereits den ersten Baum genau ableuchtete. Er schien zu wissen wonach er Ausschau halten muss und wir achteten genau auf seine Signale. Er kam langsam und ruhig zu uns herüber und wir dachten, dass er nichts gefunden hätte. „Da ist ein Flying Lemur“ sagte er ganz entspannt. Wir schauten uns an und waren gleich Fassungslos. Der Flying Lemur, welcher auf deutsch Malaiien-Gleitflieger heißt, ist höchst sonderbares Säugetier. Der Kopf erinnert dank der lang gezogenen Schnauze an einen Hund. Mi seinen langen Krallen klettert er auf Bäumen herum. Der gefährlichste Moment für solche Tiere, die sich in die Baumkronen zurückgezogen haben, ist wenn es den Baum wechseln und somit den Boden betreten muss. Nun könnten dieser Flying Lemur einfach von Baum zu Baum springen, wie es die Hörnchen machen, sie haben sich jedoch einer anderen Anpassung bedient, nämlich dem Gleitflut.

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„Siehst du was?“ „Nö!“ antwortete mir Sarina, die angestrengt den Baumstamm begutachtete. Der Baum hatte eine weiß gefleckte Rinde, die Douglas mit seiner Taschenlampe anleuchtete. Der Lichtkegel erreichte eine Ausstüllpung des Baumes, die zusammenzuckte. „Das ist keine Ausstüllpung, das ist der Gleitflieger“ sagte Sarina. Wir hätten den Gleitflieger ohne Douglas niemals entdeckt. Die Farbe des Fells ist perfekt an die Rinde der bevorzugten Bäume angepasst. Tarnung ist für den Flying Lemur sehr wichtig, denn auch er hat viele Feinde und ist, obwohl er in den Bäumen lebt, kein guter Kletterer. Den meisten Feinden entgeht der Gleitflieger dank seiner Flughaut, die den ganzen Körper mit einbezieht. Lediglich der Kopf, die Schwanzspitze und die Krallen ragen über die Flughaut hinaus. Das Gleiten von Baum zu Baum ermöglicht es dem Flying Lemur, den Boden nicht betreten zu müssen und somit zahlreichen Beutegreifern entgehen zu können. Beim Gleitflug spring der Flying Lemur von einer hohen Stelle in der Baumkrone ab, breitet seine Gliedmaßen aus und spannt somit die Flughaut, die das Tier nun langsam von der Luft an die anvisierte Position tragen lässt. Wer schon einmal einen Gleitschirmflieger beobachten konnte, weiß wie langsam diese Art des Fliegens sein kann. Diesen langsamen Flug des machten sich natürlich Beutegreifer zu Nutze und somit nahmen Greifvögel diese Rolle ein. Um den zahlreichen Tag Taggreifern zu entgehen, nutzt der Malaiien-Gleitflieger die Nacht um auf Nahrungssuche nach Früchten, Knospen, Blüten und Blätter zu gehen.

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Ich schaltete den Scheinwerfer der Kamera an und machte eine kurze Aufnahme von diesem schönen Tier. Douglas sagte uns, dass wir ihn lieber nun in Ruhe lassen und nicht verschrecken sollten. Vielleicht würde er dann morgen Abend noch genau an diesem Baum sein, denn er trägt viele Früchte. Wir respektierten den Wunsch unseres Guides und gingen weiter. Douglas meinte, dass wir auf die reflektierenden Augen, die die Nachttiere haben, achten sollten und so leuchteten wir den Wald aus Blättern ab und schauten in jede Baumhöhle. Man sieht zahlreiche Insekten in der Nacht. Überall spiegeln Augen den Schein der Taschenlampe wieder.

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Wir hatten im Vorfeld schon einiges über Dschungelguides gelesen, auch das sie mit Latschen durch das undurchdringliche Grün stapfen sollten. Douglas bestätigte dieses Gerücht. Obwohl es hier zahlreiche stechende oder beißende Tiere gibt, der Großteil der Pflanzen Stacheln hat und man gegen eine der behaarten Raupen, bei deren Berührung das Bein mehrere Tage anschwellen kann, gibt, hatte Douglas auch nur Latschen an den Füßen. Er ging damit in irgendwelche Wasserlöcher, durch stachelige Gebüsche und in morastige Stellen, in denen fast sein ganzer Fuss im Schlamm versunken wäre.

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„Guckt in das Wasser“ sagte Douglas während er wild einen Stock in kleine Stücke brach und auf die Oberfläche eines kleine Wasserloches warf. „Was ist da?“ fragte ich. „Catfish (Wels)“ anwortete Douglas und warf immer weiter die Äste ins Wasser. Und tatsächlich, man sah deutlich den großen hellen Körper des Fisches, der zur Oberfläche schwamm und nach den Ästen schnappte. Mit dem Wurf der Holzstückchen simulierte Douglas das Landen großer Insekten auf dem Wasser, welche eine gute Beute für den Wels währen. „Wow, in so einen kleinen Pool lebt ein so großer Fisch“ stellte ich verwundert fest. Der Wels hatte seine dreißig Zentimeter, das Wasserloch war aber keine fünfzig Zentimeter im Durchmesser und höchsten vierzig Zentimeter tief. „Nach langen Regenfällen steht hier alles unter Wasser, dann schwimmen sie in den Wald und fressen Insekten. Wenn der Boden dann austrocknet, verstecken sie sich unter Holz und warten in den Wasserlöchern auf den nächsten Regen“ wurde uns erklärt. Das kleinere Fische in solchen Wasserlöchern leben ist keine Seltenheit, ihre Eier heften sich an die Füße von Vögel oder anderen Tieren und werden somit an andere Orte transportiert. Sie können sich dann prächtig in solchen Wasserstellen entwickeln. Das plötzlich aber so ein großer Fisch Mitten im Dschungel auftaucht, war wirklich ein faszinierender Anblick.

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„Mist, meine Batterien sind alle.“ Das Licht von Douglas Taschenlampe, die bis ganz hoch in die Bäume scheinen konnte, erlosch langsam. Die Meisten währen jetzt nervös geworden und hätten sich unzähige Male entschuldigt. Unser Guide zückte aber entspannt wie die Malaysier sind einfach sein Telefon und leuchtete damit weiter. „Hier ist eine Tarantula drin“ sagte Douglas und brach sich einen Zweig ab, um in einem Baumloch zu stochern. „Sie will nicht raus kommen“ gab er enttäuscht auf. „Ich habe hier aber was anderes gesehen.“ Der Schein des Telefon erhellte schwach einen Baum. „Es ist ein Skorpion“ bemerkte Douglas und deutete auf das Tier. Der Skorpion hat in der Geschichte der Menschen schon immer eine Rolle gespielt. Er wurde in der Mythologie als etwas gefährliches, todbringendes dargestellt. Von den weltweit bis zu 1400 Arten, sind jedoch nur wenige für den Menschen wirklich gefährlich. Der Mensch oder ähnlich große Tiere gehört nicht zum Beutespektrum der Skorpione. Der größte heute lebende Skorpion, der Kaiserskorpion, hat gerade mal eine Länge von 21 Zentimetern. Wie sollte er also diese großen Lebewesen vertilgen? Skorpione sind Jäger die sich eines Giftes bedienen, deshalb werden sie gefürchtet. Ihre Nahrung besteht vorwiegend aus Insekten und Spinnentieren. Größere Arten erlegen auch kleinere Schlangen und Echsen, sowie Nager. Wird ein Mensch von dem Giftstachel des Skorpiones gestochen, handelt es sich in der Regel um einen Unfall. Es ist erwähnenswert, dass die meisten Skorpione über zwei verschiedene Gifte verfügen. Ein Gift dient zum erlegen von Nahrung und ein stärkeres zur Abwehr von Feinden.

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„Der Schutz des Waldes ist sehr wichtig!“ sagte Douglas. „Er gibt Medizin und Nahrung. Früher war überall Wald und es gab sehr viele Tiere, aber Borneo hat sich sehr verändert. Es gibt zu viele Palmöl-Plantagen und viel Wald wird abgehölzt. Die Tiere stehen hier zwar unter Schutz, aber illegale Jagd ist ein weiteres Problem.“ Sarawak hat glücklicherweise ein Verbot der Jagd auf einige Tiere ausgestellt. Wird ein Orang-Utan, ein Nasenaffe, Langur, Hornvogel oder Nashorn erlegt, kann es bis 50.000 malaysischen Ringgit, mehr als zwei Jahresgehälter, und 5 Jahre Haft geben. Der Kauf oder Verkauf und das Essen dieser Tiere steht unter gleicher Strafe. Für Stachelschweine, Malaiienbären, Krokodile und andere Tiere liegt die Strafe immerhin bei bis zu 10.000 RM und einen Jahr Haft.
„Werden auch Nasenaffen illegal gejagd?“ wollte Sarina wissen. „Tiere die Plantagen leben werden oft gejagd. Sie fressen die Palmfrüchte. Palmfrüchte bringen Geld und deswegen werden die Tiere geschossen.“ Werden sie auch gegessen?“ wollte Sarina weiter wissen. „Die Ureinwohner haben das Recht Nasenaffen zu jagen und zu essen.“ Douglas musste lachen “Aber ich könnte auch nie einen Affen essen. Die heutige Generation isst lieber bei KFC.“ Jetzt mussten wir alle lachen. Es ist wahr, KFC oder Kentucky Fried Cicken, eine amerikanische Fastfood-Kette, die Hähnchenflügel in großen Pappeimern serviert, ist hier wirklich überall zu finden.

Als wir wieder am Hauptquartier ankamen, fragte ich abschließend, ob es Malaiien-Bären im Nationalpark gibt und ob Douglas schon welche gesehen hätte. „Ja, tief im Dschungel, in dem Teil wo keiner hin darf, gibt es welche. Ich habe leider noch keinen gesehen, aber mein Kollege hat einen Fussabdruck gefunden.“ Es fing heftig an zu regnen, wir verabschiedeten uns schnell und liefen zu unserem Haus.

Wir lagen noch lange wach, weil der Regen lautstark auf das Blechdach hämmerte. Wir dachten an die Nasenaffen und Makaken. Können sie in solch stürmischen Nächten hoch oben in den wackligen Bäumen überhaupt Ruhe finden? Und haben die Bartschweine einen guten Unterschlupf gefunden? Irgendwann schliefen wir dann doch völlig erschöpft ein.